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Neue Forschungsförderung

In einer vorigen Diskussion hier im SuMa-eV Blog (http://blog.suma-ev.de/ Thema: "98%", http://blog.suma-ev.de/node/89), entstand die Frage, wie eine bessere, neue Forschungsförderung konkret aussehen müsste. Im folgenden ein paar Gedanken dazu - weitere Diskussion ist mehr als willkommen.

Um eine NEUE Forschungsförderung zu beschreiben, ist es hilfreich, zunächst die derzeitige zu betrachten. Wie geschieht die Förderung von Forschung z.Z. in Deutschland und in der EU?
Derzeit ist es i.a. so, dass in den Forschungsförderungs-Institutionen (Ministerien, EU-Kommission usw.) "Förderprogramme" ausgeschrieben werden: d.h. die Beamten in diesen Institutionen geben einen "Call" (=Aufruf) zu bestimmten Themen heraus. Forschungs-Institutionen können sich dann um Fördermittel (=Geld) bewerben, um zu diesem Thema zu forschen. So ein Thema kann beispielsweise "E-Learning" sein (englisch "electronic learning", elektronisch unterstütztes Lernen).

Wenn so ein Thema nun als Call ausgeschrieben ist, dann gehen bei der ausschreibenden Institution die Anträge auf Fördermittel ein. Dort wird nun - auch unter Zuhilfenahme von externen Gutachtern - entschieden, welche Antragsteller bedacht werden. Das sind dann diejenigen, welche die besten Anträge schreiben, am besten Formulare ausfüllen können, und die "in der jeweiligen Szene am beliebtesten" sind - ohne Lobbyarbeit geht kaum etwas.

Für EU-Forschungsanträge ist der Bürokratieaufwand ("Formularkrieg" etc.) extrem hoch; große Firmen haben eigene Abteilungen, die sich - neben der Lobbyarbeit - nur damit beschäftigen. Kleine Firmen haben hier kaum Chancen. Aber auch für Forschungsanträge in Deutschland, deren Bürokratieaufwand nicht gar so extrem ist, beschäftigen kleine und mittelständische Firmen oft die sogenannten "Subventionsberater", da die Hürden der Förderbürokratie sonst nicht zu überwinden sind.
Diejenigen, die nun mit Fördermitteln bedacht werden, können sich natürlich nicht verpflichten, erfolgreich zu forschen - so etwas kann man per Vertrag nicht erzwingen. Man kann einem Einstein nicht per Forschungsvertrag vorschreiben, die Relativitätstheorie zu entwickeln oder Nobelpreise zu gewinnen. Aber es besteht in jedem Fall die Verpflichtung der Fördermittelempfänger, Projektberichte und Veröffentlichungen zu schreiben. Mittels dieser Berichte können die Forschungsförderer und die Forschungsgeldempfänger nun immer gegenüber jedem nachweisen, dass sie "fleissig geforscht haben" - auch wenn sonst nichts dabei herausgekommen ist. Bei dieser Art der Förderung wird daher vor allem bedrucktes Papier produziert; an verwertbaren Produkten kommt SEHR selten etwas dabei heraus.

Daher muss es in der Forschungsförderung den umgekehrten Weg geben; sie muss "vom Kopf auf die Füsse" gestellt werden. Denn es ist abwegig anzunehmen, dass die zukünftigen Trends in der Entwicklung im wesentlichen von Ministerialbeamten wahrgenommen würden. Diese Trends werden woanders gemacht. Wenn in den Forschungsförderungs-Institutionen Gedanken von neuen Entwicklungen angekommen sind, dann ist die reale Welt bereits ganz woanders.

Die Forschungsförderer müssen sich aktiv in der Forschung und in den Firmen umsehen, wo wirklich Bahnbrechendes entsteht. Das muss nicht immer gänzlich Neues sein: auch das Aufholen von Rückständen, die durch die jahrzentelange verfehlte Forschungspolitik entstanden sind, kann dazu gehören. Vieles Visinonäre kann nur dann umgesetzt werden, wenn die Basistechnologie vorhanden ist, und da sieht es in Deutschland und Europa gerade in der IT schlecht aus. Bahnbrechende Projekte und Ansätze muss diese neue Forschungsförderung dann aufgreifen und mit Geld versehen, so dass sie wachsen, blühen und gedeihen kann. Die Forschungsförderer müssen in Deutschland und Europa herumreisen (virtuell und real), und die zukunftträchtigen Projekte entdecken. Wenn sie fündig werden, dann müssen sie DIESE Projekte voranbringen. Dazu gehört auch, den Rest an unvermeidlicher Förderbürokratie ("Formularkrieg" etc) aktiv mit überwinden helfen.

Nur dann haben die unendlich vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen und Projekte, die sich weder Subventionsberater noch Abteilungen zum Ausfüllen von Förderformularen leisten können, eine Chance. Nur dann, wenn die Forschungsförderer aus den Amtsstuben herauskommen, und selber auch ausserhalb der Elfenbeintürme aktiv nach Projekten suchen, dann kann die Forschung auf dem alten Kontinent zu neuer Blüte gelangen.

Wolfgang Sander-Beuermann

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Kommentare

Ich denke, Wolfgang Sander-Beuermann hat es hier bereits treffend auf den Punkt gebracht: „Man kann einem Einstein nicht per Forschungsvertrag vorschreiben, die Relativitätstheorie zu entwickeln oder Nobelpreise zu gewinnen.“ Dass Forscher Erfolg haben, lässt sich nicht erzwingen. Welche Möglichkeiten bleiben also?

  1. Jegliche Forschung fördern. Wahrscheinlich nicht bezahlbar, ohne die Mehrwertsteuer um 300 %-punkte anzuheben, aber immerhin ein Weg. Gleichzeitig könnte man die Forscher verpflichten, ihre Forschungsergebnisse in weiterverwertbarer Form (im Software-Bereich beispielsweise als Open Source) zur Verfügung stellen zu müssen.
  2. Forschung nicht fördern. Sie müsste dann von den Unternehmen bezahlt werden, die am Ende auch etwas davon haben.
  3. Forschungskredite. (Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.) Ein Forscher reicht eine Frage ein, deren Antwort er zu ergründen gedenkt. Dafür wird ihm ein Kredit eingeräumt. Wenn die Frage tatsächlich beantwortet wird, wird auf die Rückzahlung des Kredits verzichtet. Die Kredit vergebende Institution müsste alledings prüfen, dass jede Frage nur einmal erforscht wird, sich also gut in der Materie auskennen. Weitere Bedingung für das Erlassen der Rückzahlung sollte auch hier die Publikation der Ergebnisse in weiterverwendbarer Form, also einschließlich erzielter Mess-Ergebnisse, geschriebenem Code (der unter einer Open Source Lizenz stehen muss) und Dokumentation sein.

Hallo Wolfgang,
wir haben als relativ kleines Unternehmen damals zwei Förderungen (zweite Förderung = Forschungsförderung) der NBank (Ziel-1) erhalten, wieviel Lobbyarbeit damit verbunden war kann ich nicht sagen. Antrag, Formulare etc. waren jedenfalls keine große Herausforderung für uns - viel mehr die sehr lange Wartezeit. Ich nehme an das genau diese lange Wartezeit daher zustande kommt das A Formalitäten geprüft werden und B Experten (Du gehörst da ja auch zu) hinzugezogen werden.

Ein aktives "Headhunting" würde sicherlich auch dazu führen die Vorlaufzeit zu verringern. Doch würde es auch die Qualität steigern?

Was man generell im Rahmen einer Förderung vermisst (oder auch nicht) sind die begleitenden Experten der Förderinstitution. Es nutzt nämlich nichts, monatlich einen entsprechenden Report zu verfassen und diesen dann an die Förderinstitution zu schicken - da dieser zu mal eher das wiederspiegeln wird was im Plan steht und nicht das was letztendlich umgesetzt wurde.

+1 für Deine Idee!

P.S.:
>>Die Forschungsförderer müssen in Deutschland und Europa herumreisen (virtuell und real), und die zukunftträchtigen Projekte entdecken.
Sehr interessanter Job!

Ich habe den folgenden Vorschlag ausgearbeitet:

1. EU

Die europäische Sicherheitsforschung aus Steuergeldern wollen wir demokratisieren und an den Bedürfnissen und Rechten der Bürgerinnen und Bürger ausrichten. In beratenden Gremien wie dem Europäischen Forum für Sicherheitsforschung und Innovation (ESRIF) sollen künftig neben Verwaltungs- und Industrievertretern in gleicher Zahl auch Volksvertreter sämtlicher Fraktionen, Kriminologen, Opferverbände und Nichtregierungsorganisationen zum Schutz der Freiheitsrechte und Privatsphäre vertreten sein. Eine Entscheidung über die Ausschreibung eines Projekts soll erst getroffen werden, wenn eine öffentliche Untersuchung der Europäischen Grundrechtsagentur über die Auswirkungen des jeweiligen Forschungsziels auf unsere Grundrechte (impact assessment) vorliegt. Die Entwicklung von Technologien zur verstärkten Überwachung, Erfassung und Kontrolle von Bürgerinnen und Bürgern lehnen wir ab. Stattdessen muss die Sicherheitsforschung auf sämtliche Optionen zur Kriminal- und Unglücksverhütung erstreckt werden und eine unabhängige Untersuchung von Wirksamkeit, Kosten, schädlichen Nebenwirkungen und Alternativen zu den einzelnen Vorschlägen zum Gegenstand haben. Weil auch die gefühlte Sicherheit eine wichtige Voraussetzung für unser Wohlbefinden ist, wollen wir zudem erforschen lassen, wie das öffentliche Sicherheitsbewusstsein gestärkt und wie verzerrten Einschätzungen und Darstellungen der Sicherheitslage entgegen gewirkt werden kann.

2. Deutschland

Die Sicherheitsforschung aus Steuergeldern wollen wir demokratisieren und an den Bedürfnissen und Rechten der Bürgerinnen und Bürger ausrichten. In beratenden Gremien wie dem Wissenschaftlichen Programmausschuss sollen künftig neben Verwaltungs-, Wissenschafts- und Industrievertretern in gleicher Zahl auch Volksvertreter sämtlicher Fraktionen, Kriminologen, Opferverbände und Nichtregierungsorganisationen zum Schutz der Freiheitsrechte und Privatsphäre vertreten sein. Eine Entscheidung über die Ausschreibung eines Projekts soll erst getroffen werden, wenn eine öffentliche Untersuchung der Grundrechteagentur über die Auswirkungen des jeweiligen Forschungsziels auf unsere Grundrechte (impact assessment) vorliegt. Die Entwicklung von Technologien zur verstärkten Überwachung, Erfassung und Kontrolle von Bürgerinnen und Bürgern lehnen wir ab. Stattdessen muss die Sicherheitsforschung auf sämtliche Optionen zur Kriminal- und Unglücksverhütung erstreckt werden und eine unabhängige Untersuchung von Wirksamkeit, Kosten, schädlichen Nebenwirkungen und Alternativen zu den einzelnen Vorschlägen zum Gegenstand haben. Weil auch die gefühlte Sicherheit eine wichtige Voraussetzung für unser Wohlbefinden ist, wollen wir zudem erforschen lassen, wie das öffentliche Sicherheitsbewusstsein gestärkt und wie verzerrten Einschätzungen der Sicherheitslage entgegen gewirkt werden kann.

Auf jedenfall sollte Bildung wieder mehr gefördert werden. Deutschland hat keine großen Rohstoffe und nur sein wissen. Wir brauchen eine bessere wissenschaftliche Ausbildung und Geld für Grundlagenforschung. Auch im Finanzberreich könnte man eine Steuer auf Spekulationsgewinne dafür auflegen. Zum Beispiel für Aktienverkäufe oder beim Forex Handel

Gruß Helga

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