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Wie ganz von selbst die Welt immer ungerechter wird und was wir dagegen tun können – und müssen

Warum wir die prozentuale Lohnerhöhung abschaffen und die Erbschaftssteuer für große Vermögen drastisch erhöhen müssen

Ungerechtigkeit hat viele Gesichter. Wir betrachten hier nur eines dieser Gesichter: Die Ungerechtigkeit in der Einkommens- und Vermögensverteilung. Dieser Aspekt hat jedoch weitreichende Auswirkungen auf nahezu alles andere in unserer Gesellschaft. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht jedem und immer sichtbar ist: Die Verfügungsgewalt über viel Geld und andere Vermögen ist gleichbedeutend mit Macht. Wer Vermögen hat, hat die MACHT. Nahezu alle Probleme unserer Gesellschaft lassen sich darauf zurückführen.

Warum ist es ungerecht, wenn sehr wenige sehr viel und sehr viele sehr wenig Vermögen haben? Die Vermögenden haben es sich doch sicherlich durch schwere Arbeit sauer verdient, und die anderen waren halt zu dumm, um soviel zu verdienen – so denken viele, wahrscheinlich die meisten. Warum das nicht so ist, warum es einfach eine logische Folge unseres Systems ist, das kann jeder, der ein bischen rechnen kann, nachvollziehen und im folgenden Absatz nachlesen.

Dazu nehmen wir an, dass zwei Menschen, Meier und Schulze, als Kinder im Alter von 10 Jahren genau 20.000,- Euro vererbt bekommen haben. Beide legen es an, um es wiederum ihren Kindern weiter zu vererben. Meier hat dabei ein kleines bischen mehr Glück als Schulze: Er kann sein Vermögen zu einem Zinssatz anlegen, der geringfügig höher ist, als der von Schulze. Sagen wir, Schulz bekommt 5% Zinsen, Meier 6% - ein winziger Unterschied. Beide sterben im Alter von 86 Jahren. Was schätzen Sie, wie viel nun jeder seinen Kindern vererbt?

Der Fehler im System: Die „automatische“ Ungleichverteilung

Das Ergebnis ist: Meier hat im Laufe seines Lebens aus den 20.000 Euro durch Zins und Zinseszins 1.676 Mio Euro angesammelt, Schulze 815.486 Euro, und das nur aufgrund dieses winzigen Unterschiedes im Zinssatz. Meier hat also mittlerweile das doppelte Vermögen, wie Schulze.

Diese Ungleichverteilung ergibt sich allein aus unserem Zinssystem, ohne dass irgendeiner der beiden irgendetwas dazu getan oder geleistet hat. Es ist einfach eine Folge unseres Systems. Man könnte auch sagen, einer Art von Glücksspiel: Weil Meier aufgrund irgendeines Zufalls einen geringfügig höheren Zinssatz ergatterte, wird er doppelt so reich. Das ist ungerecht. Und es ist nicht nur ungerecht, es ist das typische Kennzeichen eines instabilen Systems. Aus winzigen Anfangsunterschieden folgen im Laufe der Zeit gewaltige Unterschiede. Solche instabilen Systeme kollabieren, wenn man nichts dagegen tut. Darum müssen wir etwas tun.

Bedeutet das, dass wir Zinsen abschaffen sollten? Das wäre eine Möglichkeit. Der Islam praktiziert sie mehr oder weniger – und war daher von den großen Finanzkrisen kaum betroffen. Aber es gibt auch Alternativen, die nicht gleich unser gesamtes Wirtschaftssystem infrage stellen. In Deutschland hat diese Alternativen diejenige Partei in ihrem Programm (gehabt), die heute oftmals die „Partei der Besserverdiener“ genannt wird, die FDP. Das war 1971, als die FDP noch eine andere war und sich für soziale Gerechtigkeit einsetzte.

Nachlesen kann man diese ganz konkreten Vorschläge in den „Freiburger Thesen“ aus dem Jahre 1971. Dort wird vorgeschlagen, dass im Erbschaftsfall sehr große Vermögen sehr hoch besteuert werden. Das tut dem Eigentümer des Vermögens nicht (mehr) „weh“, führt aber die krassen Ungleichheiten, die sich in einer Generation entwickeln, auf tolerierbare Maße zurück. Im Gegensatz zu einer Vermögenssteuer mit all ihren „Wenn und Aber“ ein äußerst sinnvoller und vor allem praktikabler Vorschlag, im Einzelnen im WWW nachzulesen unter: http://www.freiheit.org/files/288/1971_Freiburger_Thesen.pdf Die dort genannten detaillierten Zahlen zu einer neuen Erbschaftssteuer müssten an heutige Werte angepasst werden, aber darum geht es nicht: wichtig ist das Prinzip der Hochbesteuerung großer Vermögen im Erbschaftsfall und die Verwendung der hierdurch gewonnenen Steuer-Mehreinnahmen zu vermögensbildenden Maßnahmen dort, wo es bisher kein Vermögen gibt.

Eines ist bei alledem jedoch sicher: Tut wir nichts gegen diese immer extremer werdende Ungerechtigkeit, dann „crashed“/kollabiert das System. Es ist nur eine Frage der Zeit. Darum MÜSSEN wir etwas gegen die Ungleichverteilung tun und zu gerechteren Formen der Vermögensverteilungen kommen.

Nun zu einem zweiten Punkt: Der ebenso ungleichen und ungerechten Verteilung der Einkommen.

Die immer größer werdenden Unterschiede in der Einkommensverteilung

Auch hierzu wieder ein Beispiel. Nehmen wir an, Frau Meier hat ein monatliches Einkommen von 1100,- Euro, Herr Schulze bekommt 1000,- Euro. Frau Meier hat also 100,- Euro mehr, als Herr Schulze. Beide bekommen nun jährlich eine mäßige Lohnsteigerung von 3%. Was schätzen Sie, wie lange es dauert, bis Frau Meier ihren Einkommensvorsprung verdoppelt hat, also 200,- Euro mehr verdient, als Herr Schulze?

Rechnen Sie nach: Es dauert 25 Jahre. Dann hat sich der Einkommensvorsprung verdoppelt, ohne dass eine der beiden Personen irgend etwas dazu getan oder geleistet hat – es geschieht ganz von selbst. Auch hier haben wir wieder das typische Kennzeichen instabiler Systeme: bei zunächst geringen Unterschieden bewirkt die prozentuale Lohnsteigerung eine stetig wachsende Kluft. Diejenigen, die mehr verdienen, verdienen immer noch mehr Mehr. Darum müssen wir die prozentuale Lohnsteigerung abschaffen und durch feste Beträge ersetzen. Um die bestehenden massiven Unterschiede auszugleichen, könnten die Festbeträge im unteren Lohnbereich zunächst höher sein, als in den hohen Lohngruppen. So könnte die Einkommensschere allmählich etwas geschlossen werden.

Was geschieht, wenn nichts geschieht?

Wenn die Politik keine Maßnahmen gegen die Ungleichverteilungen ergreift, dann wird sich unsere Gesellschaft immer stärker zu einer Oligarchie entwickeln. Platon definiert sie als „gesetzlose Herrschaft der Reichen, die nur an ihrem Eigennutz interessiert ist“. Das kommt uns aus der aktuellen Politik bekannt vor - wir sind auf dem besten Wege zur Oligarchie. An welcher Stelle eines solchen Weges eine zunehmend verarmende Mehrheit die Ungleichverteilung gewaltsam beendet, ist nicht vorhersagbar.

Wolfgang Sander-Beuermann

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Kommentare

...ist ja mal ein einleuchtender Artikel. Von diesem Standpunkt aus habe ich das Ganze noch nie betrachtet. Hätte mir nie zu träumen gewagt, dass Zins- oder Lohnunterschiede derart schwerwiegende Folgen haben könnten. Danke für den Artikel. Ich bin mal wieder schlauer geworden ;-)

ich will es jetzt nicht als halbherzig überlegter Schreiben abtun, aber
wenn ich Kapital habe und weniger Zinsen erhalte als wir Inflation haben und dann schreit da noch jemand nach Steuern....
Wenn ich der Kapitalbesitzer wäre, würde ich mich vielleicht ins Ausland orientieren und somit diesen Land mein Kapital entziehen......
Als ehrliche Person, sollte ich natürlich ausziehen ... auswandern.

Zum prozentueller Lohnerhöhung kann ich nur sagen - es wäre Gerecht, wenn die Preissteigerungsrate (Inflation) durch die Lohnerhöhung ausgeglichen wird. Somit kann ich mir nachher genauso viel kaufen .
Die Sache Preissteigerung hat leider z.Z. einen kleinen Hagen. Der steigende Preis betrifft extrem den Grundbedarf (Essen, Energie, Essenzielles) und wird mit Kopfgeld (GEZ) noch getoppt. Darum Empfindet der Durchschnittsbürger das Gefühl, die prozentuelle Erhöhung gibt Ihn zu wenig Lohn und Kapital hat er ebenso wenig am Konto. Solang Er auch immer mehr für sein Grundbedarf ausgeben muss, wird Er auch kein Kapital schaffen.
Nein, der Beitrag ist leider der falsche Ansatz und wir sollten überlegen was eine faire Entlohnung ist. Jeder der eine Stunde arbeitet hat als Lebenszeit ebenso eine Stunde weniger.... Und was ist deine Wert, sollten nicht alle ohne Ausnahmen annähernd gleich bezahlt werden, Oder gibt es verschiedene Werte für gute und weniger gute Bürger und deren Bezahlung. Nur allen Bürgern können wir nicht gleichviel geben, den wo bleibt dann der Ansporn zum Arbeiten?
So jetzt brauchen wir DIE Lösung.

Dieser Blogeintrag hat mir gut gefallen, da das Thema und das zugrunde liegende Problem sich in den letzten Jahren deutlich verschärft hat. Insoweit ist es wichtig darüber zu sprechen. Ich persönlich kann mir sehr gut vorstellen, dass eine Anhebung der Erbschaftssteuertarife einen Beitrag zur Lösung sein könnten. Letztlich stellt sich dann die Frage in welchem Umfang für bestimmte Angehörige (Kinder und Ehegatten) Freibeträge oder Ausnahmetatbestände vorgesehen werden. Das Problem (und das haben die Freiburger Thesen damals noch nicht abgebildet) besteht ja gerade darin, dass in Deutschland viele mittelständische Unternehmen noch durch Familien oder Inhaber geführt werden. Eine deutliche Steigerung der Erbschaftssteuersätze würde dann möglicherweise den Fortbestand der Unternehmen und damit Arbeitsplätze gefährden. Damit würden wir "an dem Ast sägen auf dem unsere öffentlichen Haushalte sitzen".

Wenn ausschließlich der Geldwert als Maßstab der Lebensbewertung dient, hätten wir uns die Tausende von Jahren für die Entwicklung der sogenannten Zivilisation sparen können. Was ist denn unser letzter Stand des Wissens?: Wir leben auf ein und dem selben Planet; wenige wollen die Macht über die vielen übrigen (Monsanto, Microsoft, Wallstreet ... tbc); die Industrie der westlich orientierten Länder verbrauche soviele Ressourcen, als ob wir 5 Erden hätten; wirtschaftliche Abhängigkeit bringt nicht nur in der Drogenszene Selbstmordopfer hervor sondern auch bei den südamerikanischen, indischen, indonesischen und anderen Kleinbäuerlichen Erzeugern; die mafiösen Vereinigungen werden (zum Glück inzwischen) gezielt bekämpft, wodurch sich intelligente Großherrschaften anderer Strategien bedienen, die ebenfalls außerhalb des Gesetzes liegen aber juristisch so leicht zu definieren sind; Caesars Satz vom teilen und herrschen haben die Advertising Agencies bereits verinnerlicht (wer wohl schon längst ;-); für die meisten der Bevölkerung reicht eine Arbeit nicht zum Leben. Und: ach ja, die Erde ist doch keine Scheibe und die Quantenphysik mit dem Doppelspalteffekt vertauscht unsere reale Erlebniswelt in eine virtuelle.

Das Wissen unserer "Zivilisation" dümpelt in den Nebenstraßen vor sich hin, anstatt es breitflächig zugänglich zu machen, damit Großkonzerne der Bevölkerung, der Politik und den besonders den Angestellten, von denen sie abhängig sind, kein X für ein U vormachen können. Der Zeitung wird geglaubt, auch wenn (fast) jeder weiß, daß es um Umsatzzahlen geht, das Fernsehen und insbesondere die Nachrichten, von wem auch immer, werden für die Wahrheit und das Leben angesehen und das eigene danach ausgerichtet, statt es als das zu sehen, was es ist: Nachrichten aus Dritter Hand. Alles Umstände, die den Mächtigen und Großkonzernen wiederum in die Hände spielt.

Oligarchie? Wer kann mit der Bedrohlichkeit dieses Beriffes denn schon etwas anfangen? Wenn unsere Schulen von der Systematik her darauf ausgerichtet sind, das von der Bevölkerung abgekoppelte Regierungssystem, die Wirtschaft und der Nichtkritik zu folgen ohne zu denken, kann auch keine kritische Handlung entstehen. Wer nur einige kritische / phylosophische Brocken und Beiträge mitbekommen hat, wird mir beipflichten: Wir sind erzogen, anderen zu folgen ohne nachzudenken, geschweige denn VORzudenken, nicht um selbstbestimmend über unser Leben zu entscheiden. Dann könnte der Staubsauger nicht mehr funktionieren. Fragt sich nur, ob die "Entscheider unserer Geldbörse" wissen, wie lange das System der Gewinnvergrößerung noch bestehen bleibt, ohne zu kollabieren (oder glaubt jemand von euch, daß steigende Ertragskurven in die Unendlichkeit steigen?:-), oder ob sie bereits Vorkehrungen treffen (ich halte sie ja nicht für dumm, nur einige unserer Mitstreiter vielleicht, wenn der Blick zu kurz gerät).

"Wenn ich der Kapitalbesitzer wäre, würde ich...", das ist für mich wie "gehörte ich zu der anderen Gruppe...", dann würdest du einfach diese Zustände miterzeugen? Klar doch, Du brauchtest dich dann um -die da- nicht mehr zu kümmern? Denk ein wenig weiter, z. B. woher die Senkung der Ethik kommt ab der Erreichung eines sechsstelligen Einkommens (o.ä.) und wie du bei derartigen Summen handelst.

Was bedeutet denn: Konzentration von monitären Möglichkeiten, Ausnutzung von Push-Potentialen, Lobby im Bundes/Europa/Welt-Parlament (wenn es denn soweit wäre). Wenn heute bereits die Pharma-, Finanz-, Chemi- oder andere Großunternehmen die Gesetze definieren (ganz offiziell als Berater der Legislative), mit denen Kontrollen der Nahrungsmittelinhalte, -herstellung und Auszeichnungspflicht auf niedrigem Niveau festgenagelt werden? Was wird wohl bei noch größerer Konzentration der Interessen, sprich multinationalen Gewinnmargen, für sie möglich sein?

Wenn wir nicht etwas als Riegel dazwischen legen: Wissen, Information, Denken können (nicht jeder lernt das) und kritisch hinterfragen (haben heute immer mehr Menschen eine *anerzogene* Abscheu gegen) und letztendlich Handeln. GPL, freies Wissen für freie Bürger, obligatorische Transparenz für Posten im Allgemeindienst (z.B. Politiker), Kinder nicht als Wirtschaftsfaktor sondern rechtlich definierte Individuen mit dem (im GG seit langem enthaltenen) Recht auf individuelle schulische Förderung zu vollen Ausnutzung seines Potentials u.s.w

Wir haben eine Unmenge an Wissen, nutzen aber nur einen verschwindend kleinen Teil davon - dafür regiert in vielen Teilen der Gesellschaft, und in der Wirtschaft ganz besonders, das Gesetz der Keule (natürlich im übertragenen Sinne ;-). Wozu dann die "zivilisatorische Entwicklung"? Alle sind vor dem Gesetz gleich. Nur: einige sind gleicher??? Ist das Kanninchen denn schon tod, wenn es die Schlange anstarrt? Es sollte sich eine Storch bauen, damit der Schlange die Grenzen gezeigt wird. Das IST möglich.

Zur Beruhigung: Es ist mir fern, alteingesessene oder auch neuere Mittelständische Betriebe oder auch Großkonzerne zu verunglimpfen, solange sie Verantwortung im vollem Maße übernehmen für diejenigen, die von ihnen abhängig sind oder das Geld der Eigentümer erwirtschaften. Welcher König, Herzog, Graf hat sein Schloß mit eigener Hand gebaut? Und alle bewundern den "Hausherr". BASF wird bewundert, wer fragt nach woher und wie?

Wenn der Respekt für die andere Arbeit von der Höhe der Entlohnung abhängt, was ist dann Respekt noch wert?
Und woher kommen eigentlich die Zinsen auf der Bank ?? ;-)))))

Zitat aus SPIEGEL-Online: "Die privaten Vermögen weltweit sind im vergangen Jahr wieder deutlich schneller gewachsen als in den Jahren zuvor: Auf 111 Billionen Euro legte das Brutto-Geldvermögen zu, das sind gut acht Prozent mehr als 2011."

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Wenn hier politisch weiterhin nichts passiert, weder in Deutschland, noch sonst in der Welt, dann ... kann sich jede/r, der/die ein bischen Fantasie hat, ausmalen, wie es weitergeht. Ich bin immer wieder fassungslos, dass das kaum einen Menschen interessiert, und in der Politik weitgehend ignoriert wird.

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