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Freies Wissen durch freie Suchmaschinen

Freier Zugang zu jeglichem menschlichen Wissen dürfte einer der ältesten Träume der Menschheit sein. Mit dem Internet sind wir diesem Traum näher gekommen, als je zuvor. Die Wissensspeicher des Vor-Internet-Zeitalters sind die Bibliotheken. Der Zugang zum dort auf Papier gespeicherten Wissen war in den vergangenen Jahrhunderten nur einer kleinen elitären Schicht vorbehalten. Erst im letzten Jahrhundert erfolgte in den entwickelten Staaten der Welt eine allmähliche Öffnung. Diese Öffnung konnte jedoch nie so radikal sein, wie sie das Internet durch die Speicherungs- und Vervielfältigungsmöglichkeiten bietet.

Das im Internet gespeicherte Wissen hat aber nur dann einen Wert, wenn es dort auffindbar und erreichbar ist. Hierzu wurden die Suchmaschinen entwickelt. Auch wenn es mittlerweile durch soziale Netze wie Twitter und Facebook weitere Methoden des Wissenszugangs gibt, sind die Suchmaschinen nach wie vor der primäre Vermittler. Welches Wissen dabei wesentlich ist und wahrgenommen wird, das entscheiden die Bewertungs-Algorithmen der Suchmaschinen: in deren Software sind die Kriterien programmiert, welche Wissen bewerten – hochwertig eingestuftes wird auf den ersten Ergebnissen angezeigt, das minderwertig eingestufte erscheint am Ende der Ergebnisliste und wird damit nicht mehr wahrgenommen. In den Bewertungskriterien spiegeln sich Weltbild und Lebensphilosophie der Programmierer. Ihre Wertvorstellungen bestimmen, was die Nutzer wahrnehmen. Nebenbei ist jeder Art von Manipulation Tür und Tor geöffnet.

Suchmaschinen entscheiden, welches digitale Wissen wahrgenommen wird

De facto gibt es in den westlichen Ländern dieser Welt jedoch den Plural des Wortes Suchmaschine nicht mehr, sondern es gibt hier nur noch eine einzige, die von mehr als 90% der Menschen benutzt wird: Google. Wohlgemerkt: nicht aufgrund staatlicher oder übergeordneter Eingriffe, sondern aufgrund marktwirtschaftlicher Entwicklung unter den Spielregeln des neoliberalen global-Kapitalismus. In diktatorisch regierten Ländern ist es auf andere Art und Weise noch schlechter um Wissenszugang bestellt: China ist das klassische Beispiel, in dem Regierungsbeamte mit darüber entscheiden, welche Ergebnisse eine Suchmaschine zeigen darf. In diesen letzteren Fällen ist es offensichtlich, dass der freie Wissenszugang durch staatliche Zensoren verhindert wird.

Diese Situation haben wir in den mehr oder weniger demokratischen Staaten des Westens zwar in wesentlich geringerem Maße – hier liegt das Hindernis eines freien Wissenszugangs in den Monopolbildungen der globalen Internet-Konzerne. Solange es eine Vielzahl von Suchmaschinen gab, gab es auch eine Vielfalt in der Bewertungen dessen, was als wesentlich angesehen wird. Seit sich der Suchmaschinenmarkt zu einem Quasi-Monopol entwickelt hat, ist das nicht mehr der Fall – der Ranking-Algorithmus des Monopolisten entscheidet, welche Inhalte des digitalen Weltwissens noch wahrgenommen werden. Die Tendenz zur Einschränkung der Wahrnehmung wird verstärkt durch die mittlerweile fortgeschrittene Personalisierung der Suchergebnisse (die sogenannte „Filter Bubble: www.thefilterbubble.com ).

Diese Situation ist in einer pluralistischen Gesellschaft nicht hinnehmbar. Daher sind Wege zu suchen und zu diskutieren, welche den Pluralismus auch im Zugang zum digitalen Weltwissen wiederherstellen können. Da diese Situation in der Historie des gespeicherten Weltwissens völlig neu ist, werden auch völlig neue Wege aus dem Dilemma gefunden werden müssen. Hierzu ist ein Diskurs mit allen Beteiligten auf breiter Basis notwendig.

Wir brauchen Suchmaschinen

Um digitales Wissen zu finden, geht trotzdem kein Weg an den Suchmaschinen vorbei. Aber wir brauchen die Suchmaschinen nicht nur zum Finden, sondern auch, um den Wahrheitsgehalt zu beurteilen, um Vergleiche, Analogien und Verwandtes zu suchen und zu finden. Suchmaschinen sind also die zentralen Einstiegstore zum Wissen - man hat sie darum auch "Gatekeeper" (Torwächter) genannt. Sie entscheiden, welches Wissen für uns erreichbar ist, und was wir für wahr und für falsch halten. Sie prägen damit in wesentlichem Maße unser Bild von der Welt, welches jeder Mensch im Kopf hat.

Da diese Gatekeeper-Funktion nun durch Regeln definiert wird, die wir nicht kennen – die Bewertungs-Algorithmen sind Firmengeheimnisse -, fehlen uns wesentliche Maßstäbe, um Wissen zu beurteilen. Wenn eine Suchmaschine nichts findet, heißt das, dass es das gesuchte Wissen nicht gibt? Oder heißt es nur, diese Suchmaschine hat schlecht gesucht? Wenn uns der Gatekeeper zwar Gesuchtes geliefert hat, wie können wir den Wahrheitsgehalt beurteilen? Ist das Gesuchte vielleicht sogar manipuliert? Wenn wir die Regeln des Gatekeepers nicht kennen, sind wir seinen von Menschen gemachten Regeln ausgeliefert. Der vorige Satz beschreibt die aktuelle Situation: 90% oder mehr, von denjenigen, die im Internet nach Wissen suchen, liefern sich dabei den Regeln eines einzigen globalen Konzerns aus: Google.

Diese Situation ist in einer Wissensgesellschaft ein Widerspruch in sich: kein ansonsten intelligenter Mensch würde irgendeinem anderen alles glauben, was dieser ihm berichtet. Der Begriff Wissen beinhaltet die Infragestellung, den Vergleich, die Transparenz, die Nachvollziehbarkeit.

Freies Wissen durch freie Suchmaschinen

Darum kann es freies Wissen nur geben, soweit es freie Suchmaschinen gibt; also solche, die nicht in erster Linie kommerziellen Interessen dienen. Die in ihrer ausgeprägtesten Form ein Insider auch unter seiner alleinigen Kontrolle, nach seinen Regeln und voller Transparenz nutzen kann. KEINE kommerzielle Suchmaschine ermöglicht das. Darum ist es so wichtig, dass es freie Suchmaschinen gibt.

Darum haben wir im Jahr 2004 eine Organisation gegründet, welche sich diesem Ziel widmet, den "SUMA-EV - Verein für freien Wissenszugang". Das Namenskürzel "SUMA" erinnert daran, dass die SUchMAschinen wesentlicher Bestandteil eines freien Wissenszugangs sind. Eines der wichtigsten Projekte, die der SUMA-EV fördert, ist die quelloffene Suchmaschinen-Software YaCy, zu finden unter yacy.net. Hier hat der Anwender die volle Kontrolle über die gesamte Software, einschließlich der ansonsten verborgenen Bewertungsmaßstäbe.

Weiterhin fördert SUMA-EV Alternativen jeglicher Art: allein die Existenz einer Vielzahl von Suchmaschinen ist geeignet, Pluralität in der Wissensbewertung herzustellen. Unser bekanntestes und größtes Projekt ist die deutsche Meta-Suchmaschine MetaGer: www.metager.de, die vom SUMA-EV als gemeinnützigem Verein ohne Gewinnerzielungsabsicht betrieben wird. MetaGer ist eine der wenigen Suchmaschinen, die keine personenbeziehbaren Daten einer Suchabfrage speichert. Weitere alternative Suchmaschinen und vieles mehr finden Sie auf unseren Webseiten: www.suma-ev.de

Um Arbeiten und Projekte von zukunftsweisender Bedeutung für den freien Wissenszugang zu fördern, verleiht SUMA-EV seit 2008 einmal jährlich die mit 2.500,-EUR dotierten SUMA Awards. Mehr dazu finden Sie unter www.suma-awards.de. Die Verleihung erfolgt i.a. im Rahmen unseres jährlich stattfindenden Kongresses. Zu den Kongressen greifen wir aktuelle Themen und Entwicklungen in Referaten, Diskussionen und Workshops auf – u.a. auch die Frage, was gegen globale Online-Monopole zu tun ist.

Wolfgang Sander-Beuermann

(Dieser Artikel ist ebenfalls veröffentlicht im Magazin "Digital Lernen" unter
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/technik/einzelansicht/artikel/g...)

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