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Medienkompetenz - oder Realsatire?

Wenn ich die folgende Geschichte nicht selber erlebt hätte, würde ich sie auch nicht glauben. Aber sie hat sich wirklich genauso zugetragen – ich schwöre es -, im März des Jahres 2014, im digitalen Zeitalter, in dem Medienkompetenz eine Selbstverständlichkeit ist. Oder etwa nicht?

Es fing alles damit an, dass eine Freundin meiner Frau genug hatte von Google & Co. Immer wenn Sie bei Google etwas gesucht hatte, kam hinterher von vielen Webseiten die „passende“ Werbung; die „Segnungen“ des Affiliate-Marketing. Also wollte sie nun MetaGer nutzen. Sie wusste aber nicht, wie sie das anstellen sollte. Begriffe wie „Webadresse“ oder URL sind ihr fremd. Also fragte sie ihren Nachbarn, einen ausgewiesenen IT-Experten (zumindest seiner eigenen Meinung nach). Und nun kam es dicke.

Er sagte ihr, sie müsse dazu nur eine CD kaufen, die sei auch ganz billig. Diese CD solle sie in ihren PC legen, und dann könne sie damit MetaGer installieren. Die Freundin meiner Frau war darüber so „platt“, dass sie das meiner Frau erzählte – so kam die Geschichte zu mir. Ich rief sie also an und fragte sie, „auf Ehre und Gewissen“, ob ihr der IT-Experte von nebenan diesen Unfug wirklich so erzählt habe. Sie schwor, dass es wahr sei.

Ich riet ihr, den selbsternannten IT-Experten NIE wieder an ihren PC ran zulassen. Erklärte ihr am Telefon, sie müsse nur dort, wo in ihrem Browser die Zeile www.google.de zu sehen sei, dort das Wort „google“ durch das Wort „metager“ ersetzen. Sie war verblüfft als sie es tat, und zum ersten Mal in ihrem Leben MetaGer sah.

Meine Verblüffung war sicherlich nicht geringer. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass jemand so etwas nicht wissen könnte. Und dass es Nachbarn gibt, die sich IT-Experten nennen, und wirklich keinerlei Vorstellung von den einfachsten Dingen im Internet haben. Ich war also im richtigen Leben angekommen.

Im richtigen Leben angekommen

Nun wollte ich es aber ganz genau wissen. War dieses erste Erlebnis ein außergewöhnlicher Einzelfall? Oder steckt Methode dahinter? Ich rief also eine andere Freundin meiner Frau an. Der geneigte Leser dieses Aufsatzes nehme nun bitte nicht an, dass ich speziell Frauen für IT-inkompetent halte – es kommt gleich männlich und noch dicker.

Zuerst rief ich aber die andere Freundin meiner Frau an; fragte, ob sie schon jemals MetaGer benutzt habe. Ja, sagte früher mal, aber das sei schon einige Jahre her. Ob sie denn eine Idee habe, wenn sie MetaGer wieder nutzen wollte, wie sie das tun könne – fragte ich weiter. Nach langem Schweigen „ja, ich würde das Wort 'metager' bei 'suchen' in meinen Computer tippen“. Meine Rückfrage, womit sie denn dann und wo nach 'metager' suche, konnte nicht geklärt werden. Sie tippt es halt irgendwo ein, und dann passiert irgendwas (Unerklärliches).

Am nächsten Morgen nach diesen abendlichen Telefonaten wollte ich dann mein Weltbild aber doch wieder gerade rücken. Ich fragte einen befreundeten und studierten Dipl.-Ing., was er denn machen würde, wenn er MetaGer nutzen wolle. Auch er hatte von Webadressen und URLs nur am Rande gehört und machte zu meinem Entsetzen das Maß der Unkenntnis voll, indem er antwortete „ich würde das bei Google eintippen“ - also Google benutzen, statt metager.de in die Browser-Adresszeile einzugeben: das ist die Realität der Medienkompetenz im Informationszeitalter.

Medienkompetenz??

Medienkompetenz?? Gibt es sowas in nennenswerten Maßen überhaupt? Was muss geschehen, damit sich Internet-Nutzer auch nur die Bohne für Medienkompetenz interessieren und bereit sind, die banalsten Dinge zu lernen? Müssen erst bei Millionen von Menschen die Bankkonten leergeräumt sein, damit diese Menschen sich dafür interessieren, was eine Email-Adresse von einer Web-Adresse unterscheidet und was ein https-Zugang bedeutet?

Wolfgang Sander-Beuermann

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