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Wege aus der Überwachungskatastrophe - SUMA-Kongress & Award

Das gefühlte Internet des Jahres 2014 ist ein anderes als das bisherige. Es ist zwar de facto nichts Neues darin geschehen, aber es ist dank Edward Snowden öffentlich geworden, was darin geschieht: Die Totalüberwachung. Deren Ausmaße übersteigen alles, was es dazu bisher auf der Welt gab. Staaten, die sich demokratisch nennen, müssen andere Wege finden.

Vor ein paar hundert Jahren erst wurden in Europa die Hausnummern erfunden und von der Obrigkeit verordnet: jedes Haus musste zu einem Straßennamen eine Nummer bekommen. Wenngleich wir dieses heutzutage als sehr praktisch empfinden, es war eine der ersten flächendeckenden Maßnahmen zur Überwachung der Untertanen. Manche Untertanen wehrten sich damals, kratzen die Hausnummern ab, oder machten sie unkenntlich. Jetzt sind es wiederum „Nummern“, um die es geht, vornehmlich die Internet-Adressen, aber auch andere digitale Zeichenketten. Die Argumentationen der heutigen Obrigkeit unterscheiden sich dabei kaum von der von vor Jahrhunderten: Hausnummern brauchte man um „lichtscheues Gesindel“ aufzufinden, Internet-Überwachung, so wird behauptet, „braucht man zur Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung“ - auch wenn, wie die New York Times schrieb, in den USA mehr Menschen durch herunterfallende Fernseher erschlagen werden, denn von Terroristen ermordet. Hausnummern sind praktisch, mit der Internet-Totalüberwachung überschreiten Staaten alle Grenzen der Privatsphäre ihrer Bürger.

Wieder versuchen manche Untertanen - auch wenn die heute „Bürger“ heißen - „Nummern“ unkenntlich zu machen: Techniken einzusetzen oder weiter zu entwickeln, welche z.B. die IP-Adressen verschleiern oder Inhalte verschlüsseln – also technische Wege aus der Überwachungskatastrophe zu suchen.

Diese Gruppe des „technischen Widerstandes“ ist relativ klein. Die Masse der Internet-Nutzer ist zwar „ein wenig verunsichert“, evtl. zurückhaltender beim Online-Shopping, unternimmt aber wenig Konkretes, um der Überwachung zu entkommen. Meist mit dem „Argument“, dass man ja „nichts zu verbergen habe“. Und die Politik „werde es schon richten“. „Die Politik“ selber setzt naturgemäß ebenfalls auf politische Lösungen, wie z.B. „No-Spy“-Abkommen usw.

Privatsphäre - ein Relikt der Vergangenheit(?)

Weiterhin gibt es eine Gruppe, die von ganz anderer Seite das Problem angeht; deren Kernthese lautet: Privatsphäre ist ein Relikt der Vergangenheit, völlige Offenheit und Transparenz aller Menschen und Organisationen ist erstrebenswertes Ziel, das Zeitalter der Post-Privacy hat begonnen. Es ist die Utopie einer Gesellschaft, die Privatsphäre nicht mehr nötig hat, weil es keine Diskriminierung mehr gibt. NSA und Totalüberwachung stellen dann kein Problem mehr dar, weil ALLES bereits offen und öffentlich ist. Die Vertreter dieses Standpunktes werden unter dem ursprünglich als Schimpfwort gedachten Namen „Spackeria“ zusammengefasst. Oft liegt nun ja die Wahrheit in der Mitte zwischen zwei gegensätzlichen Polen - das scheint mir persönlich zwar beim Standpunkt der Spackeria vs. Privatsphäre sehr utopisch, trotzdem muss eine Auseinandersetzung mit Vertretern auch dieses Standpunktes stattfinden und niemand kann ausschließen, dass unsere Enkel den Spackeria-Standpunkt teilen werden.

In einer solchen Gemengelage ist zunächst nur sicher, was NICHT zu tun ist: Nämlich das, was derzeit allenthalben bereits zu beobachten ist - „übergehen zur Tagesordnung und weitermachen wie bisher". Daher brauchen wir die breite Diskussion darüber, welche Wege aus der Totalüberwachung möglich sind, und in einem nächsten Schritt, welche auch gangbar sind. Der SUMA-Kongress am 12.2.2014 in Hannover wird dazu mit Vorträgen und Diskussionen namhafter Referenten einen Beitrag leisten.

Verleihung des SUMA Award 2013

Zu diesem Beitrag gehört auch die Verleihung des SUMA Award 2013 zu Beginn des Kongresses. Vergeben wird der mit 2.500,- EUR dotierte Preis zum sechsten Mal, in diesem Jahr erstmalig an einen Film - oder zunächst auch an ein Drehbuch. Die Auslobung lautete: Ein Kurzfilm soll sich kreativ mit dem Thema "Ethik im digitalen Raum" auseinandersetzen. Beispielsweise kann die Thematik des Überwachungsstaates, Extremismus und Kriminalität, Cybermobbing, u.v.a.m. filmisch umgesetzt sein. Die Jury hat Anfang November 2013 einen Kurzfilm ausgewählt; der Gewinner ist noch geheim, der Preisträger wird ihn zum Kongress vorstellen und seine persönliche Sichtweise und Motivation darlegen. Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie in Ilmenau und MP3-Erfinder, Prof. Karlheinz Brandenburg, wird die Laudatio sprechen.

Wenn es darum geht, Wege aus einer Katastrophe zu suchen, bessere Wege des Handelns zu diskutieren, also allgemeingültige Normen und Werten zu finden, dann ist die Grundlage dessen die philosophische Disziplin der Ethik (sofern wir dieses Handeln nicht aus der Religion ableiten wollen).

Beim Thema „Ethik im digitalen Raum“ ist eine der international renommiertesten Persönlichkeiten der aus Uruguay stammende Prof. Rafael Capurro, Professor für Informationswissenschaft und Informationsethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er hat eine beeindruckende Liste von Meriten dieses Gebietes vorzuweisen, in Kürze hier ein paar Auszüge: Gründer des International Center for Information Ethics (ICIE), Mitglied des European Group on Ethics in Science and New Technologies (EGE) der EU-Kommission, founding Member des World Technology Network (WTN) und Distinguished Researcher in Information Ethics, an der School of Information Studies der University of Wisconsin-Milwaukee, USA.

Informationsethik / Hackerethik und andere Handlungsmaximen

Denn hinter all den Gedanken zu den „Wegen aus der Überwachungskatastrophe" steht immer die Frage, was „gutes“ und „schlechtes“ Handeln denn eigentlich ist, also die Grundfrage jeder Ethik. Prof. Capurro wird über die Entwicklung des relativ jungen Forschungsgebietes der „Informationsethik“ referieren.

Danach wird eine der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Computerszene, Andy Müller-Maguhn, über „Hackerethik und andere Handlungsmaximen“ referieren und in die Diskussion einsteigen. Müller-Maguhn war viele Jahre Mitglied im Vorstand des Chaos Computer Club e. V. (CCC); er hat diesen größten deutschen Computerverein maßgeblich geprägt, und er war von 2000 bis 2002 einer der gewählten ehrenamtlichen Direktoren bei ICANN (= Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), sie koordiniert die Vergabe von einmaligen Namen und Adressen im Internet).

In der anschließenden Diskussion sind ALLE Anwesenden zu Beiträgen, persönlichen Erfahrungen, Ideen, Konzepten und Vorschlägen aufgerufen. Das detaillierte Programm der Veranstaltung findet man im WWW unter http://metager.de/k14.

Wolfgang Sander-Beuermann