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#schlandnet, Internet-Infrastrukturen und worum es wirklich geht

Das folgende Interview ist aus einem Gedankenaustausch mit Thorsten Greb, Redakteur beim Magazin DIGITAL LERNEN, entstanden.

Update: Fortsetzung des Gedankenaustausches am 21.11.2013
Das komplette Interview findet man auch in der Zeitschift DIGITAL LERNEN.

Thorsten Greb: Kürzlich bin ich auf Ihren sehr interessanten Blogeintrag "Auf dem Weg zu einer europäischen Internet-Infrastruktur?" aufmerksam geworden. Ich finde die Idee sehr spannend und reizvoll, aber auch nicht ganz unproblematisch. Gerne würde ich hierzu einen Dialog mit Ihnen führen. Im Folgenden einige Fragen, die ich nach einer ersten intensiven Beschäftigung mit Ihrem Blogeintrag aufwerfen möchte. [...]

Wolfgang Sander-Beuermann: Als ich mir Ihre Fragen zunächst mal im Zusammenhang angeschaut habe, da erschienen zeitgleich im Netz die ersten bösartigen Kommentare zu einem sog. #schlandnet. Gemeint ist ein abgekürztes "Deut-schlandnet", der Kurzname soll wohl "schandnet" assoziieren. Als ich die Meinungsäußerungen dazu las und hörte, dachte ich - wie seinerzeit ein deutscher Finanzminister - "mich tritt ein Pferd". Offenbar kann man sowas auch gründlich missverstehen. Daher hier erstmal ein paar grundsätzliche Klarstellungen.

Es geht hier NICHT darum, ein "Netz im Netz" in Deutschland zu etablieren. Es geht darum, dass die Routing-Tabellen der Internetknoten in Deutschland so geändert werden, dass Datenpakete aus Deutschland mit einem Ziel in Deutschland innerhalb deutscher Jurisdiktion bleiben und nicht unsinnige Umwege, wie z.B. über den Atlantik ins NSA-Heimatland oder via englischem Geheimdiensten nehmen. Das ist alles. Der Rest der Internet-Infrastruktur in Deutschland bleibt unverändert und NATÜRLICH wird das globale Internet genauso erreichbar sein und bleiben.

Damit beantworten sich Ihre Fragen sicherlich fast von selber; hier trotzdem noch meine klaren Antworten zu den Fragen.

Thorsten Greb: Sprechen wir hier von einer digitalen „Festung Europa“, einer irgendwie gearteten "Membran“, die selektiv einen Datenaustausch zwischen den Kontinenten zulassen soll, oder ist am Ende der Internetnutzer selbst in der Lage zu entscheiden, ob er Webdienste aus Übersee nutzt?

Wolfgang Sander-Beuermann: Selbstverständlich entscheidet NUR der Nutzer, ob er Webdienste aus Übersee nutzt! Es gibt auch keine "Membran", die Datenaustausch filtert. Es geht lediglich um Routing-Tabellen in deutschen Internetknoten, welche einen Datenfluß von einem deutschen PC oder Server zu einem anderen deutschen PC oder Server innerhalb Deutschlands belassen.

Thorsten Greb: Wenn man eine Lehre aus dem gegenwärtigen Ausspähskandal ziehen möchte, dann ist es meiner Meinung nach die Erkenntnis, dass Staaten und ihre Geheimdienste keine Kosten und Mühen scheuen, den Internetverkehr zu überwachen.

Wolfgang Sander-Beuermann: So ist es. Und genau DARUM vertraue ich auch keiner "politischen Lösung" allein. Geheimdienste werden sich im Zweifelsfall von keinem "No-Spy-Abkommen" bremsen lassen. Und genau DARUM brauchen wir neben den politischen Maßnahmen auch eine Technik, die das Abhören zumindest sehr schwierig und damit teuer macht.

Thorsten Greb: Das Abhören des Internetverkehrs ist für Staaten heute ein unverzichtbares Mittel zur politischen wie wirtschaftlichen Machtsicherung und -erweiterung. Glauben Sie, dass eine deutsche oder gar eine europäische Internet-Infrastruktur hiergegen eine wirksame Hürde darstellen kann?

Wolfgang Sander-Beuermann: Ja. Es wird nie 100%-ige Sicherheit gegen Abhören und Hacking geben, aber es sollte so schwer wie möglich gemacht werden. Und derzeit sind die Türen "sperrangelweit" offen.

Thorsten Greb: Würden mit einer deutschen oder europäischen Internet-Infrastruktur nicht die "Auffindbarkeit und Erreichbarkeit von Wissen" sowie der "Pluralismus des Wissenszugangs" auf dem Altar geopfert?

Wolfgang Sander-Beuermann: Im Gegenteil: "Auffindbarkeit und Erreichbarkeit von Wissen" darf nicht unter Kontrolle und Zensur von Staaten oder globalen Konzernen stattfinden! "Freier Wissenszugang" bedeutet, dass der Zugang zum Wissen NICHT überwacht und kontrolliert wird

Thorsten Greb: Oder anders gefragt: Wären in einem solchen Szenario, Informationen, die beispielsweise auf Servern in den USA oder anderen Weltregionen lagern, weiterhin problemlos für den deutschen respektive europäischen Ottonormal-Internetnutzer erreichbar?

Wolfgang Sander-Beuermann: Selbstverständlich! Alles andere wäre absurd.

Fortsetzung des Gedankenaustausches am 21.11.2013:

Thorsten Greb: Wir hätten dann also ein Internet, das Anfragen auf Deutsche oder Europäische Server ausschließlich innerhalb der Deutschen respektive Europäischen Gerichtsbarkeit verarbeitet. Gleichzeitig befinden sich aber die meistbenutzten und beliebtesten Webangebote außerhalb des Europäischen Rechtsraum. Wie soll das zusammengehen?

Wolfgang Sander-Beuermann: Diese Frage beschreibt die aktuelle Situation. Aber genau diese Situation wollen wir ja ändern. Wir müssen es in Deutschland und Europa schaffen, Angebote zu implementieren, die den bisherigen meistbenutzten und beliebtesten überlegen sind.

Diese Situation ist sehr vergleichbar der bei den Satellitennavigationssystemen. Hier gibt es seit langem das US-amerikanische GPS. Wenn die USA das abschalten, steht Europa "im Dunkeln". Genau so ist die Situation des heutigen Internet. Darum hat Europa bei der Satellitennavigation das eigene System Galileo auf den Weg gebracht. Dies kostet zwar einige Milliarden Euro, wird aber letztlich besser und genauer sein, als GPS. Und GENAU DAS müssen wir auch im Internet machen.

Thorsten Greb: "Meide amerikanische Server", war kürzlich Ihre Empfehlung in einem Radiointerview. Kommen wir am Ende also nicht drumherum, unser Surfverhalten von Grund auf zu ändern? Und ist dies letztlich der Ratschlag, den wir Kindern und Jugendlichen zukünftig im Rahmen der Medienkompetenzvermittlung mit auf den Weg geben müssen?

Wolfgang Sander-Beuermann: Diese Empfehlung gilt, solange wir in Europa so weit hintendran sind, wie es jetzt der Fall ist. Je eher Europa anfängt, Internet-technologisch unabhängig zu werden, desto eher wird dieser Ratschlag überflüssig werden.

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