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Street View, Internet Monopoly und was dagegen zu tun ist, Interview "Neue-OZ", 19.8.2010

Interview Waltraud Messmann, Neue-Osnabrücker Zeitung, mit Wolfgang Sander-Beuermann, 19.8.2010 Tweet this

Für den Leiter des Suchmaschinenlabors an der Leibniz-Universität in Hannover, Dr. Wolfgang Sander-Beuermann, ist der Google- Kartendienst Street View „nur die Spitze des Eisbergs“. Seine Horrorvision: Globale Internetkonzerne wie Google übernehmen das Netz vollständig, und der Nutzer ist nur noch Konsument, „dem man möglichst das Geld aus der Tasche“ zieht.

Mit dem Kartendienst Street View hat Google jetzt auch die Politik gegen sich aufgebracht. Ist die Aufregung berechtigt?

Ja, ich halte diese Aufregung für sehr berechtigt.

Sie haben bereits vor Jahren vor der Supermacht Google gewarnt. Reagiert die Politik zu spät?

Ja, wieder einmal. Die gesamte Entwicklung, und dabei ist ja Street View nur die Spitze des Eisbergs, war vor Jahren bereits klar abzusehen. Aber damals glaubte die Politik noch: „Der Markt wird das schon selber regeln“ - ein Aberglaube, der einem Wunschdenken entspringt, welches schwer auszurotten ist.

Ist der Internetkrake überhaupt noch zu stoppen?

Nein, nicht in absehbaren Zeiträumen von ein paar Jahren. Im derzeitigen Stadium haben Weltkonzerne wie Google, Facebook, Apple und Co einen derartig großen technologischen und marktpositionierten Vorsprung, der nun nicht mehr durch Förderprogramme oder ähnlich einfache gegensteuernde Maßnahmen aufholbar ist.

Was halten Sie von der Ankündigung bundesdeutscher Politiker, der Entwicklung durch eine Anpassung des nationalen Datenschutzgesetzes Herr werden zu wollen? Kann das überhaupt funktionieren?

Eine Anpassung des nationalen Datenschutzgesetzes halte ich auf jeden Fall für eine sinnvolle Maßnahme. Entscheidend wird sein, wie dieses Gesetz hinterher aussieht. Aber es ist auch klar, dass man damit nicht die gesamte Entwicklung des Internets lenken kann.

Was würden Sie vorschlagen? Sehen Sie einen Weg aus dem Dilemma?

Das Google-Monopol kann momentan niemand brechen. Wenn das selbst einem Weltkonzern wie Microsoft mit Einsatz von beliebig hohem Kapital nicht gelingt, dann geht es derzeit einfach nicht. Wenn es Wege gibt, dann können diese überhaupt nur langfristig angegangen werden.

Und wie sehen die aus?

Am Beginn des ersten Weges steht der Wegweiser mit der Aufschrift „Informationskompetenz“. Kaum ein normaler Nutzer weiß doch heutzutage, was im Hintergrund geschieht, wenn er im Netz surft. Fast niemandem ist klar, dass wirklich alles, was er eintippt oder anklickt, zumindest kurzzeitig irgendwo gespeichert wird! Diesen Satz muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lasse, bis man ihn in voller Tiefe begriffen hat. Viele Internet-Nutzer blocken an dieser Stelle aber emotional ab, können die Brisanz dieser bisher nie da gewesenen kumulierten Datengebirge gar nicht in voller Schärfe begreifen, oder es ist ihnen schlicht egal. Dahinter steht oft der schlichte, naive Kinderglaube: Ich habe doch nichts zu verbergen. Zu diesem Kinderglauben habe ich mal einen „fiktiven Dialog“ geschrieben, Sie finden ihn unter www.metager.de/nichtszu.html »

Welche Möglichkeit gibt es noch?

Ein weiterer sehr wichtiger Weg ist es, die Kulturtechnik der digitalen Recherche auch bei uns am Leben zu erhalten. Es gibt etliche Projekte, die in Nischen bei uns in Deutschland existieren. Darin steckt das Potenzial, dass der momentane riesige Vorsprung der globalen Internetkonzerne nicht vollständig uneinholbar wird. Eines dieser Projekte ist zum Beispiel das Peer-to-Peer-Suchnetzwerk YaCy; Sie finden es unter http://yacy.net. » Zum Dritten ist es erforderlich, dass auch die Politik begreift, dass man globale Internetkonzerne nicht nur per Gesetz einschränkt, sondern dass es gilt, den technologischen Vorsprung allmählich wieder aufzuholen; mit anderen Worten: hier ist ein Umdenken in der Forschungsförderung notwendig.

Wie ist der aktuelle technische Stand von Suchmaschinen im Web, und wo geht die Reise in den nächsten Jahren hin?

Ich sehe zwei Szenarien: das optimistische und das pessimistische. Letzteres würde bedeuten, dass globale Internetkonzerne das Netz übernehmen, und der Nutzer wieder - wie in den anderen Medien auch - nur noch Konsument wäre, dem man möglichst „das Geld aus der Tasche“ zieht. Das optimistische Szenario bedeutet, dass die drei zuvor beschriebenen Maßnahmen „greifen“ und wir das Netz zu einem „Lebensraum für die Gesellschaft“ machen können. Welches dieser beiden Szenarien wirklich werden wird, das weiß ich auch nicht - aber ich werde alles daransetzen, dass wir den optimistischen Weg gehen.

Haben Sie eine Horrorvision, was die Entwicklung des Internets angeht?

Ja, die zuvor beschriebene pessimistische Version: die globalen Netzkonzerne übernehmen das Internet vollständig, der Nutzer fällt zurück auf den Status des reinen Konsumenten.

Die Bürger können zwar Widerspruch gegen die Veröffentlichung von Häuser-Fotos im Internet einlegen und damit erreichen, dass die Abbildungen unkenntlich gemacht werden. Doch die Originalbilder sind im System und werden vermutlich in den USA gespeichert. Was nützt also am Ende das Wider spruchsrecht in Deutschland, wenn wir wissen, dass der Datenschutz in den USA sehr viel lockerer ist?

Damit müssen wir leben, dieser Zug ist vor Jahren abgefahren, als die Politik noch ganz fest schlief. Es ist in der Tat so, dass alle Daten, die Google sammelt oder verarbeitet, irgendwo in der Welt in den riesigen Rechenzentren von Google gespeichert sind. Wo genau das jeweils geschieht, wissen nur Google-Insider. Welches Datenschutz- oder -nicht-Schutz- Recht dann jeweils gilt, ist eine spannende Frage, über die sich Experten des internationalen Datenschutzrechtes den Kopf zerbrechen können.

Sie haben den Verein zur Förderung von Suchmaschinentechnologie gegründet. Was will dieser Verein erreichen?

Dieser Verein wird alles daransetzen, dass wir das Internet wieder zu dem machen, was es im Anfang war: ein Ort der Kreativität, der Kommunikation und des freien Wissenszugangs. Da wir das nicht nur auf Suchmaschinen beschränken wollen, haben wir unseren Verein im vorigen Jahr umbenannt in „SuMa-eV - Verein für freien Wissenszugang“. Am 6. Oktober haben wir unseren diesjährigen Kongress in Berlin, er steht unter dem Motto „Wie die deutsche und die europäische Zivilgesellschaft das WWW von morgen prägt“. Denn dahin müssen wir kommen, dass die Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle in der digitalen Zukunftsgestaltung annimmt. Auf unserer Website www.suma-ev.de/forum2010 finden Sie mehr dazu.

Neben der gesellschaftlichen Diskussion ist es dann natürlich ebenfalls Aufgabe des SuMa-eV, an der technologischen Entwicklung zu arbeiten. Die Kulturtechnik der Internet Recherche muss auch in Deutschland und Europa am Leben erhalten werden, um den enormen Rückstand doch eines Tages aufholen zu können. Daher fördern wir Projekte wie die genannte Peer-to-Peer-Suche YaCy und viele andere mehr. Und haben auch Preise ausgesetzt, die „SuMa Awards“, die mit dreimal 2500 Euro dotiert sind, um Arbeiten auszuzeichnen, welche für die Zukunft des digitalen Wissens wegweisend werden können. All dies und vieles mehr finden Sie im WWW unter: www.suma-ev.de

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