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Joseph Weizenbaum: Naturwissenschaft = Weltreligion

Irgendwie passend zu meinem vorigen Blogeintrag "Turing-Test reverse: wann sind Computerprogramme 'intelligenter' als Menschen?" fand ich in einem "Spezial"-Heft "Spektrum der Wissenschaft" (Spezial 3/07, S.80) einen Aufsatz des Computerpioniers Joseph Weizenbaum, der mich beeindruckt hat. Joseph Weizenbaum wurde u.a. berühmt durch sein bereits 1966 entwickeltes Programm ELIZA (ich habe selber 1982 mal einige Zeit damit herumgespielt), das auch heute noch Grundlage vieler Chatbots ist.

Weizenbaum, der im Erscheinungsmonatz des o.g. Heftes verstarb, schrieb:

"Heutzutage ist die Idee, es gebe nur eine einzige Quelle der Wahrheit, nämlich die Naturwissenschaft, für viele eine Selbstverständlichkeit. So wie Menschen in vergangenen Jahrhunderten „Wahrheiten“ vertrauten, die Autoritäten der Kirche lehrten, so glaubt heute eine große Mehrheit der Bevölkerung an Aussagen der Wissenschaft. In diesem Sinn ist die moderne Wissenschaft eine Weltreligion geworden. Sie hat ihre Päpste, Kardinäle und andere Hohe Priester, Kirchen und Kathedralen sowie Novizen und hunderte Millionen fest überzeugter Gläubiger.

[...]
Wie das Christentum das Kreuz als Erzsymbol seines Glaubens hat, hat die moderne Wissenschaft den Computer als Verkörperung ihres Katechismus.

[...]
Fast unbemerkt wächst eine quasireligiöse Gesellschaftsschicht heran, die behauptet, sie sei die einzige, unbestreitbare Besitzerin autoritativen Wissens über die Realität. [...] Die heute sichtbare, wachsende Hybris mancher Gottspieler droht zu einer Entmenschlichung der Wissenschaft zu verkommen."

Ich lasse dies alles zunächst mal unkommentiert ... später evtl. mehr .......

Wolfgang Sander-Beuermann

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