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Suchmaschinen, Politik und YaCy

(Der komplette zugehörige Artikel zu YaCy: in iX2/08, S.102-105)

Wer heute Informationen sucht, benutzt eine Suchmaschine. Die wiederum
wählt aus, welche Informationen aus der unendlich erscheinenden
Vielfalt sie anzeigt und "entscheidet" so darüber, was der
Fragestellende findet (=weiß).

Noch sind die Nutzer von Suchmaschinen nicht auf Gedeih und Verderb den
Big Search Brothers dieser Welt ausgeliefert (Google et al.), weil der
Nutzer noch zwischen verschiedenen Suchmaschinen auswählen kann. Aber
es gibt davon immer weniger. Deswegen sind Initiativen wie Yacy
wichtig. Denn nur wenn man Informationen von verschiedenen Anbietern
mit unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen einholen kann, besteht
die Chance, dass eine einigermaßen objektive Sicht der Dinge zustande
kommt.

Es gab im Jahr 2005 kurzzeitig einen Ansatz zum Gegensteuern in der
sogenannten Schröder-Chirac-Initiative, die unter dem Namen Quaero
bekannt wurde. In Europa sollte ein unabhängiges Gegengewicht zum
US-amerikanischen Quasi-Monopol entstehen. Diesen Ansatz verfolgt
Frankreich zwar noch; in Deutschland hat man sich jedoch entschlossen,
mit dem Theseus genannten Quaero-Nachfolger die Zielrichtung zu
verschieben: Theseus soll sich der Grundlagenforschung im Bereich des
Semantic Web widmen, um damit das Internet der übernächsten Generation
zu schaffen.

Rückzug ins Semantic Web

Was immer man über diese hehren Ziele und deren Machbarkeit oder
Umöglichkeit denkt -- um eines kommt keine Informationsverarbeitung
herum: die Verarbeitung gewaltiger Datenmengen. Die dürften in
zukünftigen Internet-Generationen mit Sicherheit nicht kleiner, sondern
eher größer werden. Um die Informationen darin zu erschließen, betreibt
der Suchmaschinen-Primus Google ein weltweites Netz von einigen
Hunterttausend PCs mit optimierter Suchmaschinen-Software. Und genau da
liegt des Pudels Kern: Noch so viel Semantik hilft nicht, wenn es um
die Verarbeitung und die Informationsextraktion aus riesigen
Datenmengen geht. Letzteres ist das Basiswissen. Will man das Internet
der übernächsten Generation ohne dieses Basiswissen schaffen, ist es
so, als wollte man einen Porsche-Motor bauen, ohne zu wissen, wie eine
Zündkerze funktioniert.

Mit dem Rückzug auf das Semantic Web muss man sich nun nicht mehr der
Realität eines gigantischn und weiter wachsenden Internet stellen,
sondern kann im Elfenbeinturm von Zukunftsvisionen träumen, ohne sich
um die schnöde Praxis kümmern zu müssen. Man kann in diesem Turm in
Ruhe Tischfussball spielen, aus der Bundesliga der
Informationsgesellschaft hat Deutschland sich selber herausgekickt.

Da staatliche Organisationen versagen, bleiben diese Aufgaben für die
Zivilgesellschaft. Yacy ist ein Teil davon, denn es schafft Vielfalt
durch die unterschiedlichen Betreiber seiner Peers. Deren Netz schreckt
nicht einmal vor sehr großen Datenmengen zurück. Eine überschlägige
Kalkulation, wieviele Peers man bräuchte, um auf dem Weltmarkt
mitzuspielen, ergibt eine nicht utopische Zahl in der Größenordnung um
10.000. Selbst wenn es derzeit meist nur circa 100 Peers sind, die
aktiv am Netz teilnehmen, sind das keine unrealistischen Perspektiven.

Wolfgang Sander-Beuermann

Kommentare

YaCy gibt es nun schon recht lange, und die Idee fand ich immer gut. Aber mir scheint es zu starr zu sein, um sich momentan durchzusetzen. Jedenfalls war das vor einiger Zeit so: ich wollte einen Lightweight-Client in C schreiben und daher das Protokoll verstehen. Gut verstaendliche Dokumentation dazu fand sich nicht, und das Protokoll aus dem Quellcode zu extrahieren erschien auch eher muehsam. Und jetzt stellt sich fuer mich die Frage, ob ich vielleicht nicht der einzige mit diesem Problem bin? Immerhin gibt es die Referenzimplementierung schon eine Weile, aber man tut sich immer noch schwer, Portierungen zu finden. Und die wuerden vielleicht mehr Nutzer anlocken. Man denke z.B. an ein YaCy-Browser-Plugin...

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